|
Die Bezwingung der Nordwand des Trolltyggen
Das
Romsdal liegt etwa 300 km nördlich von Oslo inmitten eines ausgedehnten Gebirges mit
zackigen Gipfeln von besonderer Schönheit. Obwohl etwa 5 km lang, weist das Tal lediglich
zehn Kletterführen auf, und nur eine kann mit einem grö§eren alpinen Anstieg verglichen
werden. Dies ist der Ostpfeiler des Trollryggen, erstmals begangen im Jahre 1958, der
bis heute erst acht Begehungen aufweist (V+, mehrere Stellen VI und VI). Eine
bemerkenswert lange Tour, der 1500m hohe Pfeiler, ein ernstes
Unternehmen.
Ich wurde das erste Mal auf das Romsdal aufmerksam, als ich die Veröffentlichung
der Norwegischen Reise-Gesellschaft über Bergurlaub in Norwegen las. Darin
ist die Kette des Trolltind (zu der auch der Trollryggen gehört) erwähnt: Die
Ostseite ist grö§tenteils absolut senkrecht. Diese wunderbare Felsmauer dürfte in
Europa ihresgleichen suchen, sie ist em architektonisches Meisterwerk der Natur.
Nach genaueren Nachforschungen neigten wir allerdings dazu, dies als ein Meisterwerk der
Übertreibung zu bezeichnen. Der Gro§teil der Wand besteht nämlich aus bewachsenen
Platten. Aber zu unserer Überraschung gibt es auf der Nordseite einen ungeheuer steilen
Abbruch, eine mehr als 1300m hohe Wand. Im Laufe unserer weiteren Nachforschungen ergab
sich, da§ die Wand noch nie versucht worden war. Da§ eine solche offensichtliche
Herausforderung noch nicht angenommen worden war, gibt einen Begriff von den
Möglichkeiten, die in Norwegen noch offenstehen.
Eine Erkundung im März dieses Jahres zeigte uns zwei mögliche Routen. Die eine
folgte einer riesigen Verschneidung, die auf halber Höhe in den TrollryggenOstpfeiler
ausweicht, während die andere Möglichkeit mitten durch die ganze Wand führte. Und
diese wollten wir versuchen. Wir waren der Meinung, da§ wir es nur mit Hilfe
künstlicher Mittel schaffen würden, stellten jedoch später fest, da§ wir lange
Strecken in äu§erst schwieriger Freikletterei überwinden konnten.
Der Juli kündigte sich mit schlechtem Wetter an. Aber wir waren die Woche hindurch
damit beschäftigt, em vorgeschobenes Lager aol der Geröllhalde am Fu§e der Wand zu
errichten. Die folgenden Tage verbrachten wir hier. Bis zum Abend des 10. Juli hatten
wir mehr als 300m fixe Seile über die glatten Platten und gefährlichen Schneefelder bis
zum Beginn unserer geplanten Route gespannt. Schon hierbei hatten wir mit der
Schwierigkeit VI/A2 zu kämpfen. Was würde uns die Wand selbst bringen?
gen?
Zwei Tage später verlie§en wir das Basislager bei herrlichem Wetter und
begannen den langen Aufstieg über die Geröllfelder. Aus unserem Zwischenlager nahmen
wir noch Material mit und erreichten dann den Wandfu§ um sechs Uhr abends. Hier kehrten
unsere Kameraden, die als Träger fungiert hatten, um und kehrten zum Basislager
zurück, während Tony Howard, Bill Tweedale, Tony Nicholls und ich zur ersten
Biwakhöhle kletterten, die sich 30 Meter höher gelegen befand.
Zu der Jahreszeit ist es in diesen Breitengraden nur sehr kurze Zeit dunkel, so
da§ wir am nächsten Tag sechzehn Stunden ohne Unterbrechung klettern konnten. Die
Hauptschwierigkeit des ersten Tages bildete eine 60 Meter hohe Ver schneidung, die nur mit
kunstlichen Hilfsmitteln überwunden werden konnte und der wir den Namen Grey
Diedre (Graue Verschneidung) gaben. Diese leitet auf ein Band unterhalb der
riesigen 200-m-Wand, wo wir biwakierten.
Als es am Dienstag dämmerte, war das Wetter noch klar. Doch sahen wir
untrügliche Zeichen einer Verschlechterung. Im Talgrund lagerten Wolken, und wir wurden
unruhig, als wir merkten, da§ der Wind seine Richtung geändert hatte. In der ersten
Seillänge bekamen wir einen Vorgeschmack von dem, was uns noch erwartete. Eine äu§erst
schwierige und freie Querung brachte uns zu einem schmalen Band unterhalb eines
gewaltigen, senkrechten Granitabbruchs der 200-m-Wand. Während Tony
Howard sich die nächsten Meter mit Hakenhilfe emporarbeitete, zog ich inzwischen die
Rucksäcke nach.
Zwölf Stunden später und etwa 100 Meter höher, nach drei Seillängen der
schwierigsten Kletterei unseres Lebens, gelangte Tony auf einem winzigen Stand zu mir,
unterhalb der nassen und tropfenden Überhänge. Wir waren immer noch etwa 30 Meter
unterhalb des Ausstiegs der 200-m-Wand, und das Wetter wurde ständig bedrohlicher.
Wir waren uns einig, da§ es für alle vier Personen unmöglich sein würde, auf
dem sehr schmalen Standplatz zu biwakieren, und so begannen wir nach einer kurzen
Beratung, uns in den Nebel hinein abzuseilen.
Durehnä§t, müde und niedergeschlagen kamen wir an unserem Biwakplatz der
vergangenen Nacht an. Eine Viertelstunde später, als uns der Sturm mit voller Stärke
traf, schliefen wir.
Die nächsten zwei Tage dösten, tranken und froren wir abwechselnd, während der
Sturm au§erhalb unserer Nylon-biwaksacke wütete. Am Morgen des 15. Juli hielten wit es
nicht mehr aus und nutzten em Abflauen des Sturmes, um unser Biwak um 6 Uhr früh zu
verlassen. Nach zwölf Stunden verzweifelter Kletterei über vereiste und
überströmte Felsen erreichten wir unser Basislager.
Alles in allem hatten wir in 35 Stunden nur 270 Meter geschafft etwa ein
Sechstel der gesamten Schwierigkeiten! Wie nicht anders zu erwarten war: Kaum waren wir
unten, da besserte sich das Wetter. Der Sonntag, 18. Juli, war ein strahlend schöner Tag.
Am späten Nachmittag plagten wir uns Tony Howard, Bill Tweedale und ich
wieder zum Zwischenlager hinauf. Anstatt zu dem Biwak am Beginn der Wand weiterzugehen,
blieben wir hier, um das Ende der Dämmerung abzuwarten. Wie gewöhnlich zitterten wir
vor Nervosität. Aber alle Entschuldigungen, die ein Aufgeben hätten rechtfertigen
können, hatten wir ausgeschaltet. Allerdings trug es nicht zur Besserung unseres
Gemütszustandes bei, als em riesiger Felsblock zwanzig Meter von unserem Zelt
entfeint niederging.
Um 3 Uhr am nächsten Morgen bewegten wir uns träge an den Fu§punkt der fixen
Seile. Wir legten in der Biwakhöhle, am Fu§ der Wand, eine Rast ein und kletterten
dann rasch die Graue Verschneidung hoch zum Fu§ der 200-m-Wand. Da es erst ein Uhr
mittags war, beschlossen wir, die Wand in Angriff zu nehmen und zu versuchen, die
darüberliegenden Bänder zu erreichen, ehe wir biwakierten. Nach em paar aufregenden
Momenten, in denen einige Haken herausgingen, waren wir unter den nassen Überhängen
und konnten das Ende der 200-m-Wand sehen. Es war 11 Uhr abends. Der Gedanke an ein
Schlingenbiwak war nicht sehr erhebend, und so versuchte Tony, zum Ende der Wand
durchzukommen. Nach 10 Metern mu§te er jedoch erkennen, da§ diese Seillänge schwieriger
werden wurde als alles bisher, und er war gezwungen, wieder herunterzukommen. Wir
richteten uns so gut wie möglich ein.
Wir hatten an diesem Tag in 22 Stunden, vom Zwischenlager bis hierher, eine
Strecke von 700 Metern zurückgelegt!
An Schlaf war natürlich nicht zu denken. Also kletterten wir, sobald es warm genug
dazu war, der Sonne entgegen, deren Strahlen in die Wand fielen. Fünf Stunden später
befanden wir uns wieder im Schatten, aber wir hatten die letzten 20 Meter hinter uns, die
nur mit Hakenhilfe zu überwinden gewesen waren.
Welche Erleichterung, diese Wand hinter sich zu haben! Alles in allem hatten wir
die Zeit des ersten Versuches emgerechnet 30 Stunden für ihre
Bezwingung benötigt! Die Schwierigkeiten vom Anfang bis zum Ende waren extrem
VI/A 2, gefolgt von zwei langen Passagen VI/A 1 und schlie§lich die Seillänge zum Ende
der Wand: A 3.
Die Erleichterung machte jedoch bald den Schmerzen Platz, denn unser
ausgetrockneter Mund und die geschwollene Zunge verlangten nach Wasser. Etwa 25 Meter
höher durchstiegen wir einen überhängenden Kainin, der zu einer schrägen Platte unter
weiteren Überhängen führte. Den einzigen Ausweg bildete ein heimtückischer,
überhängender Ri§. Er war zu breit, als da§ Haken oder Holzkeile darin halten
würden, und nur em verzweifeltes Manöver brachte uns an sein Ende. Hier fanden wir zu
unserer gro§en. Überraschung und
Erleichterung ein kleines Wasserrinnsal, daneben einen Biwakplatz.
Mittwoch war Rasttag! Wir gewannen nur 80 Höhenineter, aber diese brachten uns in
das Zentralbecken unterhalb des nächsten schwierigen Abschnittes. Hier war Schnee und ein
ideales Band zum Biwakieren. Wir waren sehr froh, rasten zu können. Links von uns
befand sich eine der aufregendsten Wandstellen, die ich je gesehen hatte. Eine steile
Felsplatte wölbte sich über unserem Biwakplatz, um sich dann in der Wand zu verlieren.
Über und unter ihr waren riesige Überhänge, aber die einzige Möglichkeit
weiterzukommen lag hier. Wir wu§ten, da§ uns, falls wir nicht imstande sein sollten,
diese Barriere zu überwinden, ein langer Rückzug bevorstehen würde.
Um 6 Uhr früh des vierten Tages kletterte Tony zu einem winzigen Stand unterhalb
der riesigen Überhänge. Dann führte ich weiter über die Platte, die sich in einem
eindrucksvollen Bogen emporschwang, und kam bis etwa fünf Meter unterhalb ihres Endes.
Über diese wenigen Meter glatten Fels mu§te ich mit Hilfe von Seilzug und Haken
hinüber.
Darüber war ein kleiner Überhäng. War dieser erreicht, so konnte man darüber
einen Haken schlagen und sich dann über die Kante schwingen. Eine darauffolgende kurze
Rinne und man gelangte nach rechts zu einer Leiste am obersten Rand der
Überhänge. Als ich anfing, die Rucksäcke nachzuziehen, löste ich zufälling einen
Stein: in einem riesigen Bogen fuel er etwa 1000 Meter frei hinab, ehe er am Wandfu§
aufschlug!
Zwanzig Meter höher fanden wir unseren vierten Biwakplatz eine schmale
Felsleiste, auf der wir zwar sitzen konnten, unsere Beine mu§ten wir jedoch über dem
Abgrund baumeln lassen. Wieder hatten wir an diesem Tag nur 80 Meter geschafft, aber wir
waren sehr zufrieden bei dem Gedanken, da§ wir eine der schwierigsten Stellen hinter uns
gebracht hatten. Seit unserem Biwak im Zentralbecken bewegten wir uns stets im Bereich des
Schwierigkeitsgrades VI, und die Platte konnte nut mit beachtlichem Aufwand an
künstlichen Hilfsmitteln überwunden werden. Über uns das letzte Hindernis, das uns noch
von der Gipfelschlucht trennte eine lange Reihe von Überhängen, unterbrochen
von mehreten nassen und überhängenden Kaminen. Obgleich dieses Stück sehr schwierig
aussah, waren wir überzeugt, Erfolg zu haben.
Der Freitagabend 17 Uhr sah uns schlie§lich oberhalb dieser
Schwierigkeiten. Obwohl sich die Kletterei wieder ausschlie§lich im VI. Grad bewegte,
hatten wir diesen Abschnitt doch in drei Seillangen überwinden können.
Endlich konnten wir zu unseren Freunden auf dem gegenüberliegenden Grat hinüberrufen
und -jodeln, in dem Bewu§tsein, da§ uns nun nichts mehr aufhalten konnte. So dachten
wir jedenfalls. Denn über uns lagen nur noch 300 Meter Kletterei in der Gipfelschlucht
... und dann der Gipfel. Welch eine Erleichterong wird es sein, den Gipfel zu
erreichen. Aber noch waren wir hier.
Nach einer kurzen Rast brachen wir auf und trugen nun unsere 25kg schweren
Rucksäcke auf dem Rücken. Nachdem wir 160 Meter mit Schwierigkeitsgrad IV am linken Rand
der Schlucht hochgeklettert waren, kam unser Triumphmarsch zu einem plötzlichen Ende. Die
Schlucht war wieder senkrecht. Erneut mu§ten wir die Säcke nachziehen. Eine Stelle war
mindestens so schwierig wie alles Dagewesene: gute VI +. Etwa 80 Meter höher und
fünf Stunden später rüsteten wir wieder zum Biwak unser fünftes nur noch
100 Meter vom Gipfel entfernt.
Am Samstag, 24. Juli, war dann endlich der Tag unseres Sieges. Nach
dreistündigem, unruhigem Dämmerschlaf wachten wir auf, eingehüllt in Wolken. Um
sieben Uhr klarte es jedoch so weit auf, da§ wir weiterklettern konnten. Um 10 Uhr hatten wir den Westgrat erteicht, der zum
Gipfel führt, und um 12 Uhr mittags standen wir auf dem höchsten Punkt des Trollryggen. |
|





|